Anale Inkontinenz

Definition

Unter Inkontinenz versteht man die Unfähigkeit, Darminhalt (Stuhl,Flüssigkeit, Gase) willkührlich oder reflektorisch zurückzuhalten. Von Inkontinenz ist auszugehen,wenn bei einem Individuum ab einem Entwicklungsalter von 4-6 Jahren unkontrollierter Abgang von Darminhalt über einen Zeitraum von mehr als einem Monat auftritt.

Inzidenz

3-5% in allen Altersstufen, insbesondere ältere Menschen sind betroffen, 47% der Bewohner von Pflegeheimen.15,4% der Menschen über 50 leiden an Inkontinenz.

Schweregrade

Grad 1: Unfähigkeit Winde zurückzuhalten
Grad 2: Unfähigkeit flüsigen Stuhl zurückzuhalten
Grad 3: Unfähigkeit geformten Stuhl zurückzuhalten

Diese Einteilung ist für die tägliche Praxis völlig ausreichend. Eine darüber hinausreichende Einteilung ist mit verschiedenen Scores (Kelly-Score, Wexner-Score u.a.) möglich. Die Kontinenz ist von vielen, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren in einem komplexen System abhängig. Dazu zählen: Sphinkterkraft, Stuhlkonsistenz, Sensorik, Kapazität des Rektums, Koordinationsfähigkeit. Folglich ist liegen der Inkontinenz eine oder mehrere der folgenden Ursachen zugrunde: Gestörte anorektale Sensibilität, muskuläre Defizite, neurologische Erkrankungen, psychiatrische Erkrankungen, gastroenterologische Erkrankungen.

Diagnostik

Eingehende Anamnese und Graduierung der Beschwerden, proktologische Basisuntersuchung einschliesslich der Kontrolle der Sensibilität, anale Sonografie, Sphinktermanometrie. Bestimmung der rekalen Kapazität
Weiterführende Diagnostik wie EMG des Musculus sphinkter ani externus, Bestimmung der Pudenduslatenzzeit, konventionelle Defäkografie oder MRDefäkografie. Coloskopie, gynäkologische und urologische Diagnostik.

Therapie

Die Therapie der Stuhlinkontinenz orientiert sich an der Ausprägung und der Ätiologie der Erkrankung. Um in jedem einzelnen Fall die beste Therapieoption zu wählen ist zuvor eine umfassende Diagnostik(siehe oben) erforderlich.

Allgemein: Stuhlregulierung, Beckenbodengymnastik

Konservativ: Bei leichteren Formen der Inkontinenz ist eine konservative Therapie indiziert. Mit Biofeedback werden in selektierten Kollektiven Erfolgsraten bis zu 80% erreicht. Bei Koordinationsstörungen ist ein Biofeedback die optimale Indikation. Neue Studien unterstreichen die Wichtigkeit allgemeiner Maßnahmen und einer konsequenten Stuhlregulation und stellen den objektiven Effekt der Biofeedbacktherapie in Frage.

Operativ: Sphinkterrekonstruktion, Pre-anal repair, post-anal repair, total pelvic floor-repair, dynamische Gracilis-Plastik, Artificial Anal Sphincter,Sakralnervenstimulation(SNS), Internusaugmentation(z.B. mit Silikon fragwürdige Erfolge), Stomanlage.

Bei allen Sphinkterdefekten ist die Rekonstruktion das Mittel der Wahl. Bei kleinen Defekten wird Kontinenz in 90% erreicht. Die Erfolgsrate der dynamischen Gracilisplastik und des Artificial Anal Sphinkter liegt bei 50-70%, aber hohe Komplikationsrate!

Die Therapie der neurogenen (früher idiopathischen) Inkontinenz ist heute –normale anatomische Verhältnisse vorausgesetzt- durch Sakralnervenstimulation mit vielversprechendem Erfolg möglich. In 80-100% wird eine Kontinenz für geformten Stuhl erreicht. Bei diesem Verfahren ist es möglich durch Testelektroden zunächst zu prüfen, ob eine Aussicht auf einen Behandlungserfolg besteht.

Nur im Erfolgsfall werden die Elektroden dauerhaft an den Sakralnerven S2-S4 beidseits platziert. Bei der Defäkation kann der Patient durch Aufsetzen eines Magneten den Stimulator vorübergehend ausschalten.

Wenn dem Patienten durch keines der aufgeführten Verfahren zu helfen ist, dann steht als ultima ratio die Stomaanlage zur Verfügung. Sie bringt den Betroffenen meist eine deutliche Verbeserung ihrer Lebensqalität.